Samstag, 27. Juni 2015

Der Tag des Abschieds...Wiedersehen nicht ausgeschlossen

27.06.2015: Santiago de Compostela

Der heutige Tag ist recht kurz beschrieben. Nach einer weiteren unruhigen Nacht machen wir uns ab 8.00 Uhr abreisefertig. Eine gute Stunde später trennen sich die Wege von Jörg und mir. Er geht in Richtung Busbahnhof, von wo er mit dem Bus nach Porto fährt und von dort nach Frankfurt fliegt. Auch ich werde später vom Busbahnhof zum Flughafen Santiago fahren und zum Hahn zurückkehren, wo ich von meiner Familie erwartet werde. Wir hatten wieder einmal eine harmonische Zeit und es wird nicht unser letzter gemeinsamer Camino sein. Mein Weg führt jetzt wieder ins Zentrum, wo allmählich die Andenkenläden öffnen. Ja, der Kommerz hat auch vor Santiago nicht Halt gemacht. Aber wir machen da ja schließlich mit, oder? Zuerst besorge ich mir ein paar Aufnäher für den Rucksack und einige Pins. Etwas schwieriger gestaltet sich die Suche nach einer Jakobsmuschel als Zeichen der Pilgerschaft. Bisher habe ich mich stets geweigert, eine solche an meinem Rucksack mitzuführen. Ich bin der Auffassung, dass erst dass Erreichen von Santiago de Compostela dazu berechtigt. In einem kleinen Laden werde ich fündig. Hier finde ich eine individuell gestaltete Muschel, die von Hand koloriert und mit den Jakobuskreuz versehen wurde. Genau so etwas habe ich gesucht, jetzt habe ich ein Unikat. Nach einem weiteren gescheiterten Versuch im Franziskanerkloster gehe ich zu den Markthallen, wo ich mir noch einmal eine Portion Pulpo, frisch aus dem Sud, gönne. Zurück auf der Praza treffe ich noch einmal Jürgen und Klaus, die sich inzwischen auch kennen gelernt haben. Danach schaue ich mir das sehenswerte Museum der Kathedrale, in dem man auch in sonst nicht zugängliche Bereiche gelangt. Nach der Besichtigung gehe ich noch einmal in die Kathedrale und habe Riesenglück. Ich erlebe noch große Teile eines Gottesdienstes mit dem Erzbischof mit, bei dem auch der Botafumero geschwenkt wird. Welch schöneren Abschluß kann man sich denn nur wünschen. Inzwischen kommt bei mir Wehmut auf. Wenn man durch die Straßen schlendert und sieht die Scharen von fröhlichen Pilgern, die ihr Ziel erreichen, wirst du auf einmal ganz klein und unbedeutend. Du weißt, es ist vorbei, du bist am Ziel. Doch wie sagte Jürgen eben zum Abschied: "Du wirst sehen, es ist nicht das letzte Mal. Du kommst wieder." Ich bin überzeugt, dass er richtig liegt. Irgendetwas von dir bleibt auf der Praza zurück. Und irgendwann musst du wieder hier hin, es zu suchen und wieder mitzunehmen.

Wiedersehen bringt Freu(n)de

26.06.2015: Santiago de Compostela

In unserer schmalen Gasse muss in der Nacht die Hölle gebrannt haben. Es hörte sich an, als würde eine Party direkt unter unsere Fenster stattfinden. Dem war aber wohl doch nicht so - circa 50 Meter unterhalb sind zwei Bars, und so schallte es anscheinend bis zu uns hoch. Ergebnis: mitten in der Nacht aufgewacht, spät wieder eingeschlafen, erst um 8.30 Uhr die Augen wieder geöffnet. Die Folge daraus war, dass ich den deutschen Gottesdienst verpasst habe. Jörg und ich machen uns frisch und suchen und eine Bar, wo es etwas zum Frühstück gibt. Gleich um die Ecke, neben unserer Stamm-Bar, werden wir fündig. Allerdings haben wir dabei ein teures Haus ausfindig gemacht. Anschließend gehen wir zur Praza da Obradoiro, wo alle Pilger ankommen. Als wir den Platz wieder verlassen wollen, höre ich meinen Namen und schaue mich um. Da kommt auch schon Jürgen auf zu und wir begrüßen uns mit einer herzlichen Umarmung. Er ist den Camino del Norte gelaufen, war schon in Fisterra und Muxia und erwartet morgen seine Frau, mit der er noch einmal dorthin pilgern wird. Dann wird es Zeit, in die Kathedrale zur Pilgermesse zu gehen. Jörg ist dieses Mal ein wenig enttäuscht, ich bin jedoch mit ganzem Herzen dabei und genieße jede Minute. Ich bin völlig ergriffen und allmählich komme ich so richtig in Santiago de Compostela an. Beim Verlassen der Kathedrale begegnet uns die von der Schwedin geführte Gruppe aus Kanada und den USA, und auch wir liegen uns direkt in den Armen. Und auf dem Platz gibt es die nächste Überraschung: Klaus aus unserm Koblenzer Pilgerforum kommt mit einem fröhlich Grinsen geradewegs auf mich zu, welch eine Freude. Er war drei Monate von zu Hause aus über Le Puy unterwegs. Schnell werden die Kameras gezückt und der Moment für die Ewigkeit festgehalten. Nebenan bemerke ich unsere Freunde aus Übersee, auch mit ihnen müssen wir noch ein Erinnerungsphoto schießen, bevor wir uns ebenso herzlich verabschieden. Jürgen hat uns den Tipp gegeben, im Franziskanerkloster die dortige Pilgerurkunde abzuholen. Wir machen uns daher auf den Weg dorthin, aber leider ist die Sakristei verschlossen. Auch zwei weitere Versuchen sollen scheitern, schade. So trösten wir uns halt mit einer Portion Pulpo und einem Salat. Im Zentrum treffen wir erneut Jürgen und gehen zusammen ein Bier trinken. Kaum sind ein paar Minuten vergangen, ziehen die Österreicher vorbei, mit denen ich noch ein paar Worte wechsele. Sie freuen sich, dass ich noch einmal zu ihnen gekommen bin. Als Höhepunkt des Tages möchte ich noch einmal am Pilgergottesdienstum 19.30 Uhr teilnehmen. Freitags soll nämlich am Abend der Botafumero geschwenkt werden. Mit Jörg mache ich einen Treffpunkt aus, er will nicht noch eine Messe mitmachen. Später ist er aber doch in der Kathedrale und wir dürfen ein emotionales Spektakel erleben, als der riesige Weihrauchtopf über unseren Köpfen schwingt. Bevor wir den Abend ausklingen lassen, gehen wir noch einmal in Richtung Praza und treffen auf dem Weg dahin Senor Cerveza, wenig später auch noch die Italienerin, allerdings ohne ihren Freund. Zum Abschluß zieht es uns noch einmal auf das Konzertgelände von gestern. Dort gibt es heute Abend etwas rockigere Klänge zu hören.

Donnerstag, 25. Juni 2015

Wir sind dann mal angekommen

25.06.2015: Von Padron nach Santiago de Compostela

Anscheinend wurden bei unserem San-Juan-Ritual doch nicht alle bösen Geister vertrieben - und die übrigen befanden sich wohl ausnahmslos heute Nacht in unserem Schlafsaal. Gut, bei 46 belegten Betten kommt es schon einmal vor, dass ein paar Schnarcher dabei sind, aber so viele auf einmal, grenzt schon fast an Bestrafung. Und der Chef der bösen Geister lag auch noch unmittelbar hinter uns. Mir hat das eine recht schlaflose Nacht bereitet. Ab 5.00 Uhr begannen dann die ersten nervösen Pilger mit ihren Vorbereitungen - und das wieder sehr rücksichtslos. Ich stehe daher schon um 5.30 Uhr auf, ziehe mich an und begebe mich auf die Wallfahrt zum Santiagino de Monte. Hier soll Jakobus angeblich seine erste Predigt auf spanischem Boden gehalten haben. Nach meiner Rückkehr in die Herberge wecke ich Jörg und bringe meinen Rucksack nach unten in die Küche, um ihn fertig zu packen. Heute werde ich in Sandalen pilgern, da ich mir wohl gestern in der letzten halben Stunde ein wenig die Hacken aufgescheuert habe. Ich hätte die Socken zwischendurch einmal ausziehen sollen und trocknen lassen. Wenig später kommt Jörg dazu und wir unterhalten uns nun mit Carolina aus Virginia sowie unsern italienisch-spanischen Pilgerfreunden, die wir alle drei noch öfters unterwegs sehen sollen. Wir laufen jetzt aber nur ein kurzes Stück, um in einer Bar noch etwas zu uns zu nehmen. Es wird dann ein Café con leche und ein Stück Tarta de Santiago. Die Bar selbst ist zugepflastert mit Erinnerungen und Artefakten vom Camino von hier eingekehrten Gästen aus aller Welt. Meine Visitenkarte hängt nun auch an einer Wand. Dann geht es richtig los, zunächst an der Landstraße, dann kreuz und quer durch schmale Gassen kleiner Dörfer. Einmal endet der Weg vor uns, sodass wir die zwischen der Fortführung und uns liegende Bahnlinie überqueren. Momentan ist es frisch und der Nebel hängt tief, kleine Tröpfchen setzen sich auf meiner Brille fest. Nach rund 10 Kilometern würden wir gerne noch etwas richtiges frühstücken, doch in der ersten Bar gibt es nur noch Getränke. Erst 200 Meter weiter bekommen wir ein Bocadillo mit Seranoschinken. Ab Teo bricht unser letztes Teilstück auf dem Camino an. Noch knapp 13 Kilometer sind wir auf Pilgerschaft. Innerlich stimmt mich das ein wenig traurig, dass die Zeit bereits herum zu sein scheint. Wir laufen jetzt abwechselnd durch naturbelassene Abschnitte und urbane Gebiete. Man merkt, dass Santiago näher kommt. Am Ende eines ansteigenden Waldweges erwartet uns eine "mobile" Bar, deren Angebot wir gerne annehmen und und erfrischen. Hinter einen Umspannwerk haben wir erstmals direkten Blick auf Santiago, auch die Türme der Kathedrale scheinen durch den immer höher steigenden und schließlich sich auflösenden Nebel hindurch sichtbar zu sein. Der Himmel klart weiter auf und die Sonne wird wohl unseren Einmarsch in die Jakobusstadt in einem guten Licht erstrahlen lassen. Am Rande eines holprigen, abwärts führenden Wegstückes sitzt eine Frau zusammengekauert und sieht sehr enttäuscht aus. Sie hat sich vermutlich bei einem Sturz den linken Arm gebrochen und ist jetzt nicht mehr in der Lage, eigenständig die verbleibenden vier Kilometer zu laufen. Hilfe sei aber bereits unterwegs, versichert uns ihre Begleiterin, sodass wir unseren Weg fortsetzen. Ein letzter Anstieg zu einem Krankenhaus fordert uns noch einmal. Ich versinke immer tiefer in meine Gedankenwelt und erste Tränen kullern aus den Augen. Der folgende Wegabschnitt ist nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Wir gehen durch eine laute, stinkende und sich langsam fortbewegende Straße in Richtung Zentrum. Erst als wir an den Rand der Altstadt gelangen, brodelt es wieder in mir. Auch hier pulsiert das Leben, aber es ist anders, als eben. Hier begegnen dir Pilger mit fröhlichen Gesichter. 
Unser Weg endet schließlich nach 251 Kilometern auf der Praza do Obradoiro vor der Kathedrale. In diesem Moment fällt so ziemlich alles von mir ab und ich fühle mich leicht wie eine Feder. Ein unglaubliches Glücksgefühl durchflutet mich. Ich muss mich auf den Boden setzen, mit Blickrichtung zur Kathedrale, die leider hälftig mit Gerüsten versehen ist. Ich lasse mich einfach fallen und schaue nach oben, wo Jakobus auf mich herabschaut. Ich bin in diesem Augenblick nur Dankbar. Meiner Familie, die mich ziehen gelassen hat, meinem Pilgerfreund Jörg, dass er wieder einmal mit mir losgezogen ist. Dankbar dafür, dass wir gesund und ohne Blessuren in Santiago angekommen sind. Dankbar allen, die mich bei allen Camino-Aktivitäten unterstützt haben.
Nachdem wir unsere Unterkunft bezogen haben (Jörg hat dort schon vor drei Jahren ein Zimmer gehabt), machen wir uns frisch und gehen zum Pilgerbüro, um unsere Compostela entgegenzunehemen. Die Wartezeit von einer guten Stunde überbrücken wir mit Gesprächen. So lernen wir Ulrike aus der Nähe von Heidelberg kennen, die wie wir in Porto gestartet ist. Während Jörg sich noch etwas ausruht, möchte ich den Tagesbericht schreiben, jedoch macht die Bar gleich zu. Also gehe ich bis zur vereinbarten Treffzeit schon einmal in die Kathedrale und habe das Glück, schon einmal die traditionelle Umarmung des Jakobus am Hochaltar zu vollziehen und in der Krypta am Sarkophag ein Dankgebet zu sprechen. Nach dem Pilgermenü in der Casa Manolo setzen wir uns noch kurz in eine Bar in der Nähe unserer Unterkunft und beenden den Abend allmählich.

Mittwoch, 24. Juni 2015

Jörg und Wolfgang - an der Zimmerdecke für die Ewigkeit

24.06.2015: Von Portela nach Padron (30 km)

Unsere Vorbereitungen auf das Abendessen hatten sich gelohnt. Was Sergio daraus gezaubert hatte, war schon Klasse. Mit Unterstützung - ich vermute, es war sein Sohn - wurde der Grill angeworfen und mit den Resten von Maiskolben befeuert. Kurz darauf lagen da Sardinen und weitere Fische drauf. Inzwischen trafen noch weitere Pilger ein, darunter drei Münchenerinnen und einige Spanier, sowie ein uns schon seit Tamel bekanntes Paar, von denen er Spanier und sie Italienerin sind. Wir machten uns mit großem Hunger über Spaghetti, russischem Salat, Gemüsepaella und gemischtem Salat. Zuvor wurde aber noch ein Gebet für alle am Tag davor in der Herberge anwesenden Pilger gesprochen, diese auch namentlich aufgerufen. Es blieben zwar einige Reste, aber es hatte für alle gereicht. Anschließend wurde gemeinsam gespült. Da heute in Spanien Feiertag war, nämlich San Juan (Johannistag), wurden wir alle in die Küche beordert. Dort hatte Sergios Sohn in einer feuerfesten Form ein etwas Hochprozentiges mit Zitronenschalen, Zucker und Kaffeebohnen vorbereitet, das er schließlich entzündete. Dazu sprach er eine magische Formel, mit der alles Böse zur Sommersonnenwende vertrieben werden sollte. Der gleiche Text wurde von einigen Pilgern auf Deutsch, Englisch und Italienisch vorgelesen. Zu guter Letzt wurde der gute, inzwischen eingedampfte, Tropfen verteilt und getrunken. Nach einem Gruppenfoto verabschiedeten alle Sergio und seine Familie mit großem Dank und Applaus. Die Nacht verlief wiederum sehr ruhig und Jörg und ich schliefen bis kurz vor sechs. Gegen 7.30 Uhr verlassen wir die Herberge und machen uns auf den Weg. Eine gute Stunde später stellen wir fest, dass wir heute schnell unterwegs sind. Das Wetter ist genauso trüb und bewölkt wie gestern. An einer Hauptstraße sehen wir erstmals ein Schild mit einer Entfernungsangabe nach Santiago: 40 km. Wir laufen weiter durch Weinlauben parallel zur Landstraße und passieren in der Nähe von Briallos den 50-km-Stein. Kurz darauf treffen wir in Tivo ein und beschließen, in der dortigen Herberge ein kleines Frühstück einzunehmen. Wir bestellen uns ein Bacadillo mit Käse und Seranoschinken, das hervorragend schmeckt. Hier rasten übrigens auch zwei Spanier, die wir heute noch öfter überholen werden. Als wir beide aufbrechen, kommen gerade unsere Pilgerfreunde aus Kanada und den USA an, um hier ebenfalls zu pausieren. Nur zwei Kilometer weiter sind wir schon in Caldas de Reis, wo wir uns von einer Schwedin auf der Römerbrücke ablichten lassen. Eine Kirche, die von Palmen umringt ist, weckt unser Interesse, sodass wir einen Blick hinein werfen. Sie macht einen sehr hübschen Eindruck und es befindet sich eine Statue des Heiligen Rochus in "Pilgerkluft" darin. Von einer Dame werden wir gefragt, ob wir einen Stempel haben möchten. Wir geben ihr gerne unsere Pilgerausweise mit. Ich bin tief beeindruckt von dem Respekt, den sie uns sichtbar in Form einer Verbeugung entgegenbringt. Der weitere Camino führt uns über Feldwege und eine wunderschöne Naturlandschaft. Überall werden Wein, Mais und Kohl angebaut, als Begrenzungen werden Granitpfeiler genutzt. Unsere nächste Pause machen wir in einer Bar in O Cruceiro, wo wir etwas trinken und die Wasservorräte auffüllen. In einem Nebenraum sind die Wände mit den Unterschriften unzähliger Pilger aus der ganzen Welt versehen. Da sonst kaum noch Platz ist, werden wir von der Besitzerin aufgefordert, auch die Decke zu nutzen. Ich bin zu klein dafür, daher übernimmt Jörg diese Aufgabe und schreibt unsere Namen, hoffentlich für die Ewigkeit, an die Decke. Nur wenige Schritte weiter gehen wir an der kleinen Kirche Santa Maria de Carracedo vorbei. Diese wird gerade gereinigt und so haben wir die Möglichkeit, die sonst verschlossene Kirche anzusehen. Auch hier gibt es eine Rochusdarstellung. Im weiteren Verlauf pilgern wir durch ein grünes Tal an einem Bach entlang - ein wunderschöner Weg. Am Rande des Caminos sind jetzt häufiger Jakobusdarstellungen zu entdecken. Dabei lassen sich viele Anwohner richtig Gutes einfallen, um ihre Häuser und Grundstücke zu verschönern und die vorbei ziehenden Pilger zu erfreuen. Heute laufen Jörg und ich längere Passagen schweigend nebeneinander her - aber immer wieder unterbrochen durch intensiven Gedankenaustausch zu unterschiedlichsten Themen. Ich denke schon, dass sich allmählich die Anspannung aufbaut, in Santiago anzukommen. Gegen 15.15 Uhr erreichen wir die öffentliche Herberge - unterhalb eines Karmeliterinnen-Konvents liegend - in Padron. Wir sind die Nummern 38 und 39, es gibt ingesamt 46 Betten in einem großen Schlafsaal. Glücklicherweise finde wir noch zwei Betten nebeneinander im "Obergeschoß", der Rest ist fast komplett belegt. Wir vereinnahmen unsere Betten, duschen und waschen. Zum Glück hat Jörg meinen Rat befolgt und eine Wäscheleine dabei, sonst hätten wir jetzt ein Problem. Es sind jetzt nur noch 24 km bis zu unserem Ziel Santiago. Unterwegs war heute schon eine gewisse Vorfreude spürbar. Ich bin gespannt auf morgen und freue mich wahnsinnig.

Dienstag, 23. Juni 2015

Keine Austern - aber gegrillter Fisch bei Sergio

23.06.2015: Von Cesantes nach Portela (27 km)

Gestern Abend haben wir noch Markus aus Eslarn in der Oberpfalz kennengelernt. Er ist Anfang Mai von Sevilla die Via de la Plata nach Astorga gepilgert und von dort nach Porto gefahren. Es waren spannende Gespräche über den Camino, das Leben und überhaupt. Bei einem guten Glas Wein haben wir den Abend zu Dritt ausklingen lassen. Die Nacht habe ich sehr gut geschlafen, das Bett war klasse. Erst sehr spät sind Jörg und ich aufgewacht, eigentlich wollten wir schon früh los. So haben wir uns halt Zeit gelassen, ein kleines Frühstück zu uns genommen - gemeinsam mit Markus und einem jungen französischen Paar. Um 7.45 Uhr müssen wir uns leider von ihr verabschieden. Wir wünschen ihr alles Gute und ich drücke sie noch einmal ganz herzlich. Das Wetter ist heute fast so wie gestern: dichte Wolken, grau und frisch - aber zum Pilgern angenehm. Es geht nun im Wechsel auf- und abwärts nach Arcade, wo es die weltbesten Austern geben soll. An einem Baum hängt der erste Hinweis auf unsere Unterkunft in Portelo. Auf einer Anhöhe bietet sich ein toller Blick auf die Bucht von Arcade. Über eine historische Brücke erreichen wir Ponte Sampaio, immer noch auf der Römerstraße XIX. Es folgt nun ein etwas stärkerer Anstieg über römische Pflastersteine. Auf der Höhe treffen wir auf einen jungen Mann, der Getränke verkauft, aber auch mit Tipps zum Wegeverlauf aufwartet. Zunächst geht es weiter durch Waldgebiet - vornehmlich Eukalyptusbäume. Hinter einer Wegbiegung befindet sich eine Sitzbank, auf der sich unsere österreichischen Freunde genüßlich eine Zigarettenpause gönnen. Es ist schön, sie wieder treffen. Kurz darauf gibt es in einer kleinen Kapelle einen Stempel und damit verbunden einen Pilgerstau. Am Wegesrand finden sich jetzt immer mehr Hinweise und Darstellungen mit Bezug auf den Camino. Das können Jakobusstatuen oder Muscheln sein, einmal sogar der Jakobusschrein. Auf dem letzten Stück vor Pontevedra überholen wir einige Pilger, davon sogar welche erkennbar aus Brasilien. Die Stadt macht zunächst einen unschönen Eindruck - überall Hochhäuserschluchten. Erst ab dem Sanktuarium der Virxe Peregrina - einer Kirche mit dem Grundriss einer Muschel - erkennt man Züge der Altstadt. Imponierend ist auch die Brücke über den Rio Lerez mit ihren neun Bögen und Muschelverzierungen. Leider finden wir kein Restaurant, in dem wir Austern kosten können. Daher gibt es heute Mittag in einer Bar Tortilla, Calamares und Patatas. Nun sind es nur noch rund neun Kilometer bis zur Herberge, die überwiegend auf Waldwegen absolviert werden müssen. Gegen 14.30 Uhr treffen wir in Herberge ein, wir sind bis auf eine in Spanien lebende Schwedin, die auf drei Kanadier und einen Amerikaner wartet, die ersten. Hospitalero Sergio nimmt uns auf. Er war schon zweimal im Rolli in Santiago. Kurz danach kommen noch die Erwarteten. Nach dem Frischmachen helfen wir in der Küche beim Kochen: Salat waschen, Zwiebeln schneiden, Tomaten würfeln. Zur Belohnung gibt es Rotwein. Später treffen noch zwei weitere Amerikaner, zwei junge Spanier sowie ein spanisches Paar, das uns schon in Portel de Tamel begegnet ist, ein. Sergio bereitet in der Zwischenzeit einige Fische vor, die gleich auf den Grill wandern. Das wird gleich ein sicherlich ein schönes Mahl im Kreise von Pilgern aus aller Welt. Und zum Lohn reißen jetzt auch noch die Wolken auf und die Sonne lacht uns erstmals seit zwei Tagen wieder an.

Montag, 22. Juni 2015

Galizischer Regen trifft die beste Entscheidung des Tages

22.06.2015: Von Porrino nach Cesantes (18 km)

Nach unserer Mammut-Tour von gestern und dem großen Schlafsaal in der Herberge von Porrino hatten wir uns schon auf eine unruhige Nacht eingestellt. Wie üblich, werden die öffentlichen Herbergen zu einer bestimmten Uhrzeit geschlossen und bald darauf geht auch das Licht aus. In Ponte de Lima hatten wir schon einmal das Vergnügen mit ein paar Amerikanern, die um 4.00 Uhr mit entsprechendem Lärmpegel ihren Abmarsch vorbereiteten. Aufgrund der guten Belegung vermuteten wir heute Ähnliches. Dazu kam noch hohe Raumtemperatur, die auch durch sämtliche geöffneten Fenster und Türen nicht merklich reguliert werden konnte. Draußen war es sogar besser auszuhalten, als in der Herberge. Wieder Erwarten gestaltete sich der Aufbruch der anderen Pilger sehr unaufgeregt. Um 4.45 Uhr wachte ich erstmals auf und sah, wie neben Jörg ein Mann seine Sachen zusammen packte und dabei versuchte, jegliche Nebengeräusche zu vermeiden. Erst über zwei Stunde später wachte ich erneut auf und beobachtete weitere Pilger beim geräuscharmen Verpacken. So rücksichtsvoll sollte es eigentlich immer geschehen. Kurz darauf stand ich auf und erledigte meine Morgentoilette. Anschließend war auch Jörg wach und wie begannen mit unseren Vorbereitungen. Inzwischen sind beide Schlafsäle bis auf weitere vier Pilger wie leergefegt. Wir ziehen vor der Herberge unsere Schuhe an, unterhalten uns noch ein wenig mit einem jungen Pärchen aus Köln und geben noch ein paar Tipps. Um 7.45 Uhr brechen auch wir auf. Zunächst geht es auf einer Ausfallstraße und Nebenwegen heraus aus Porrino. An einer unübersichtlichen Ecke stoßen wir anscheinend auf eine nicht im Buch beschrieben Variante, die uns trotzdem nach rund sechs Kilometern nach Mos bringt. Auf dem Weg dahin haben wir einige Pilger mit auffällig kleinen Tagesrucksäcken überholt. In Mos zeigt sich auch erstmals die kommerzielle Seite des Caminos, denn vor uns befindet sich ein kleiner Shop, in dem man alles kaufen kann, was der Pilger braucht und auch nicht. Ich nehme aber trotzdem ein paar Pins als Andenken mit. Um die nächste Ecke herum machen wir schon die nächste Pause - denn da ist eine Bar. Wir bestellen uns zum Frühstück ein Bocadillo und verzehren diesen zufrieden. Kurz darauf macht noch das österreichische Paar (das wir vor drei Tagen im Steilstück getroffen hatten) ebenfalls eine Kaffeepause, die wir zu einem kurzen Gespräch nutzen. In der weiteren Folge müssen wir zwei kürzere, dafür aber steile Anstiege bewältigen. Nach dem letzten Anstieg überholen wir wieder einige andere Pilger, die wir während der Pause vorbei ziehen lassen mussten. Wir durchqueren Wald und haben einen schönen Blick auf Retondela, der jedoch ein wenig durch die heutige Bewölkung eingetrübt ist. Dafür sind die Temperaturen aktuell nicht so hoch, die Luftfeuchtigkeit sorgt trotzdem für Schweiß auf der Haut. Der Abstieg nach Retondela ist nicht minder beschwerlich wie der Aufstieg - es ist Langsamkeit angesagt, sonst geht das zu sehr in die Oberschenkelmuskulatur. Und dann ereilt uns etwas, das wir in der ersten Woche noch gar nicht hatten und was auch nicht angekündigt war: Regen! Es tröpfelt zwar erst nur leicht, aber wir ziehen vorsichtshalber die Regenhüllen über die Rucksäcke, bevor wir weitergehen. Vom Regen abgelenkt, verpassen wir eigentlich alles in der Stadt, in der eigentlich die nächste Pause geplant war. Wir entscheiden uns, einfach weiter zu laufen und versuchen, zunächst in Cesantes eine Unterkunft zu finden. Im Pilgerführer wird Maries Herberge, die eigentlich Refuxio de la Jerezana heißt, angepriesen. Sollten wir dort kein Bett mehr bekommen, laufen wir halt noch ein paar Kilometer bis nach Arcade. Der Regen nervt jetzt doch ein wenig, auch wenn er immer noch nicht sehr stark ist. Bei Marie haben wir Glück: es sind noch ausreichend Betten frei. Marie, die Betreiberin des Refugios mit spanischen Wurzeln, stammt aus Baden-Baden und lebt nach ihrem Studium seit circa zehn Jahren in Spanien. Seit einem Jahr besteht das Refugio, das sehr liebevoll und mit ihren eigenen Pilgererfahrungen gestaltet wurde. Sie sorgt dafür, dass der Aufenthalt angenehm ist. Marie stellt dafür nicht nur Betten und Dusche zur Verfügung, sondern besorgt für den Abend auch ein Pilgermenü, hat Waschmaschine und Trockner und bietet bei Bedarf sogar die Vermittlung einer Massage an. Da ist Jörg sofort mit dabei, die hat er sich nämlich gestern schon gewünscht - und das Universum hat mal wieder geliefert. Wir fühlen uns jedenfalls sauwohl und freuen uns auch über die netten Gespräche mit ihr. Dabei erzählt sie von ihren Plänen, Ideen  und auch Sorgen. Für ihre Vorhaben wünschen wir ihr ein gutes Gelingen.



Sonntag, 21. Juni 2015

Adeus Portugal - Hola Espana: 37 km, 4 Liter Wasser, Cola und Bier und immer noch gut dabei

21.06.2015: Von Rubiaes nach Porrino (37 km)

Nach dem entspannten Samstag steht heute für uns die Königsetappe bezogen auf die Länge an. Wir lassen uns um 5.30 Uhr wecken und sind wie geplant um 6.00 Uhr fertig, das Frühstück hat, fast wie immer, Zeit. Draußen ist es noch angenehm frisch und vor allem ruhig. Nur die Hunde in der Nachbarschaft werden unruhig, als wir an ihren Revieren vorbei laufen. Zunächst gehen wir auf der ehemaligen Römerstraße XIX, deren Pflaster teilweise rekonstruiert wurde. Wir legen einen flotten Schritt hin und treffen unterwegs Alex (der übrigens Priester ist, wie wir erfahren haben) und seine Begleiterin sowie Thierry, der schweigsame Franzose, der selten mit anderen spricht. Heute wünscht er uns sogar "Bonjour". Es geht zunächst über holpriges Geläuf mit viel Geröll abwärts. Nach zehn Kilometern treffen wir an der privaten Herberge Quinta Estrada Romana ein und bekommen dort auf Spendenbasis ein Frühstück und Nachschub an Wasser. Noch einmal ungefähr die gleiche Strecke dauert es, bis wir die Grenzstadt Valenca erreichen. Ein geöffneter Supermarkt erfreut uns sehr und wir füllen erneut unsere Wasservorräte auf. Der Jakobsweg bringt uns nun durch die schweren Festungsmauern in die Altstadt, wo schon einige Ladenbesitzer auf neue Kundschaft warten. Die weit geöffneten Tore der Igreja Santa Maria Dos Anjos laden zu einem Blick hinein ein. Die Kirche ist allerdings komplett leer geräumt, da sie renoviert wird. Auf einer der vorgelagerten Bastionen der Festung machen wir unsere nächste Pause, ziehen Stiefel und Socken zum Trocknen aus und legen uns flach ins Gras. Von hier oben hat man einen tollen Blick auf die Internationale Brücke zwischen Valenca und Tui, zwischen Portugal und Spanien. Ja, wir verlassen gleich Portugal, das uns sehr gut gefallen hat. Am Fuße der Brücke treffen wir erneut Alex und Begleitung. Beim Gang über die Brücke habe ich erstmals dieses seltsame Gefühl der Freude auf das Ankommen in Santiago. Wir sind jetzt in Spanien, in Galicien. Hier ist alles anders: die Markierungen des Jakobsweges, die Geschwindigkeit der Autos, aber vor allem auf den ersten Eindruck die Menschen. Wir schauen uns die Kathedrale an, wo ich an meinen verstorbenen Bruder denke, für den heute in meiner Heimat ein Gedenkgotteddienst gehalten wurde. Danach holen wir uns in der Tourist-Info den Stempel ab und marschieren gleich weiter. Die Hitze macht uns schon zu schaffen, aber wir sind tapfer und ziehen das heute durch. An einer Bar machen wir Rast und verdampfen ein großes Bier und eine Cola. Dazu nehmen wir noch eine große Flasche Wasser mit. An einer Stelle hat es wohl Streitereien über die Wegführung gegeben und die Markierungen wurden gegenseitig übermalt. Der ursprüngliche Weg führte über eine Industriestraße, die neue durch schattigen Wald und eine schöne Landschaft. Unterwegs überholen wir einige weitere Pilger, ansonsten ist es hier nicht so belebt. Große Freude bereitet uns ein Unterstand mit einem Getränkeautomat, dem wir die letzten beiden Cola-Dosen entlocken. So langsam sehnen wir uns die Herberge herbei, es geht aber noch zwei Kilometer an einem Bach vorbei - dann sind wir da. Summe des Tages: 37,3 km, circa 4 Liter Wasser,  Cola, Bier, salzige Erdnüsse, 4 Pilgerstempel und ein Bett in der Herberge. Nach den üblichen Pflegemaßnahmen sitzen wir jetzt im Restaurant Malosera und warten auf unseren Pulpo.